Sichere(re) Lernorte - traumasensible Pädagogik im Kontext Schule und Unterricht

Traumasensible Pädagogik - eine Lehrkraft sitzt mit einem Schüler auf dem Boden und redet

Inhalt

Schule ist weit mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. Sie ist ein sozialer Raum, in dem täglich unterschiedliche Lebensgeschichten, Emotionen und Erfahrungen aufeinandertreffen – darunter auch Belastungen, Verletzungen und bewährte Schutzstrategien, aus denen heraus Kinder, Jugendliche und Erwachsene handeln. Lernen gelingt jedoch nicht allein durch Inhalte, sondern vor allem in Beziehungen und in einem Umfeld, das Sicherheit, Orientierung und Entwicklung ermöglicht. Beides umzusetzen wird in der Praxis oft erschwert, z. B. durch: Curriculare Vorgaben, die Lehrkräfte und Schüler*innen (über-)fordern; psychische und emotionale Belastungen, die zu störenden Verhaltensweisen führen; Eltern, die wenig erreichbar sind; sowie schulinterne Vorgaben und Werte, die gelebt werden wollen oder müssen. Wird dieser Stress nicht erkannt und verarbeitet, wirkt er sich langfristig auf Lernen, Beziehungsgestaltung und Gesundheit aus.

Ein kurzer Einblick in die Welt der Reiz- und Stressverarbeitung

Unverarbeiteter Stress sowie traumatische und belastende Ereignisse hinterlassen Spuren in Denkprozessen, Körperreaktionen, Regulationsfähigkeit und Lernverhalten der Betroffenen. Genau hier setzt die traumasensible Perspektive an. Dadurch, dass sie nicht nur im Akutfall, sondern immer auch präventiv und resilienzfördernd wirkt, ermöglicht sie eine ressourcen-, stärken- und bedürfnisorientierte Annäherung an Lern- und Unterrichtsprozesse, schafft echte Selbstwirksamkeit und Entwicklungspotential – bei allen Beteiligten. Den Ausgangspunkt bildet hier das Wissen über neuro-kognitive und somatische Abläufe im Kontext der Reizverarbeitung: Unverarbeiteter, oftmals traumatischer Stress aktiviert die Amygdala, den Sitz der Emotionen und Warnsystem des Körpers ->  der Hirnstamm schaltet in den Überlebensmodus -> der Zugang zum „Denker“, dem präfrontalen Cortex, wird gestört. -> Lernprozesse können nicht ablaufen bzw. in Gang gesetzt werden, der Fokus liegt auf den Überlebensmodi Flight, Fight und Freeze.

Der Schlüssel zu einer traumasensiblen Haltung liegt deshalb im Schaffen eines Umfeldes, in dem sich alle Beteiligten so sicher wie möglich fühlen, damit sich der Zugang zum präfrontalen Cortex, dem „Denker“, (wieder) öffnen kann.

Es ist dabei nicht Aufgabe einer Lehrperson in die Rolle eines*einer Therapeut*in zu schlüpfen und Traumatisches bzw. unverarbeiteten Stress aufzuarbeiten – sondern es geht darum, den Fokus auf das Hier und Jetzt zu legen, Schutzräume zu gestalten, Handlungsmöglichkeiten im Schul- und Klassensystem zu eröffnen und dadurch Stabilität und Lernen zu ermöglichen.

Trauma und Flucht: Ein migrationssensibler und rassismuskritischer Blick auf Unterricht

Nicht jede Person mit Fluchterfahrung ist traumatisiert. Dennoch belasten die Erlebnisse in den Herkunftsländern sowie die oft lange Flucht aber vor allem Kinder und Jugendliche. Ein wesentlicher Aspekt im Kontext von Traumatisierung ist auch die Frage, ob das geflüchtete Kind bzw. der*die geflüchtete Jugendliche sich in seiner Identität angenommen fühlt oder immer wieder Erfahrungen von Ausgrenzung machen muss. Gerade Rassismuserfahrungen oder fortlaufende Diskriminierung in Schule und persönlichem Alltag erhöhen die Wahrscheinlichkeit, eine Traumafolgestörung zu entwickeln.

Trauma ist also gerade in dem Kontext von Migration und Flucht als Prozess zu begreifen, in dem das System Schule heilsame Impulse setzen und somit zur Stabilisierung beitragen kann.

Aus einer traumasensiblen Haltung heraus

  • wird der Lebensweg der Schüler*innen wertschätzend in den Lernkontext eingebettet und auch frühere Bildungserfahrungen wahr- und ernstgenommen.
  • wird die Erstsprache des Lernenden als Ressource angesehen und genutzt.
  • dürfen echte Sicherheit und Stabilität entstehen.

Die Dimensionen und Wirkweisen eines „Sicheren Lernortes”

Möglichst sichere Lernorte, die von einer traumasensiblen Perspektive getragen sind,

  • bauen auf Lehrpersonen auf, die Sicherheit vermitteln.
  • verändern Klassen hin zu Lerngruppen, in denen sich alle möglichst wohl und geschützt fühlen.
  • verändern das System Schule hin zu einem Netzwerk, in dem sich alle Beteiligten möglichst sicher bewegen können.

Dabei wirken Sichere(re) Lernorte immer auf den drei Ebenen:

  • der Achtsamkeit (mit Fokus auf dem Hier und Jetzt),
  • des stabilisierenden Lernumfeldes (mit Fokus auf den Schutzfaktoren und traumasensiblem Classroom-Management) und
  • des sprachsensiblen sozial-emotionales Lernens (sSEL). Hierzu zählen z. B. feste Rituale genauso wie das Wissen um Notfallübungen und die Bedeutung von Emotionsregulation und Bedürfnisorientierung.

Unsere Angebote zum Thema Traumasensible Pädagogik

Quellenverzeichnis:

Hemsoth, Carl. Traumatisierte Kinder in Schule und Unterricht. Wenn Kinder nicht wollen können. Stuttgart: UTB-Verlag, 2024.

Keilson, Hans. Sequentielle Traumatisierung bei Kindern: Untersuchung zum Schicksal jüdischer Kriegswaisen. Gießen: Psychosozial Verlag, 2005.

Levine, Peter. Walking the tiger. Berkeley (Kalifornien): North Atlantic Books, 1997.

Rahmenmodell der Ätiologie von Traumafolgen nach Maercker & Augsburger, 2019.

Van der Kolk, Bessel. Das Trauma in dir. Berlin: Ullstein Verlag, 2023.